Die Revolution der Unbegabten

Gedanken zum neuen Opern-Regietheater, oder:
Wie man sich mit Schock-Inszenierungen einen Namen schafft

von unserem Mitglied
Prof. Georg Höfer

Noch zu Beginn der 50er- Jahre konnte sich ein Regisseur nur durch gelungene Regiearbeiten (mit Fantasie, Poesie und originellen Sichtweisen) einen Namen machen. Da fallen mir die Namen Gründgens, Hilpert, Müthel ein, später Wieland Wagner, Kortner. Noch später die ganz Großen: Strehler und Ponnelle. Auch die Genannten boten neues Regietheater, aber immer voller Ehrfurcht für den ihnen anvertrauten Text – und nie altmodisch. Die Minderbegabten blieben unbekannt.

Nun, einige der Minderbegabten erinnerten sich offenbar an Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider", in dem zwei Gauner mit der These, ihre Kunstwerke könnten nur Gescheite verstehen, einen ganzen Hof zum Narren halten. Die neue Strategie lautete: Warum drehen wir nicht den Spie8 um? Wir stellen das Libretto derart auf den Kopf, dass niemand mehr feststellen kann, ob hier Könner oder Durchschnitt am Werk war. Schockieren, Provozieren ist die Parole: Der sicherste Weg, ins Gespräch zu kommen.

Diese Methode hat sich bewährt: Selbst später so verantwortungsvolle Regisseure wie Götz Friedrich, Harry Kupfer und Gian-Carlo Monaco schafften sich mit Schock-Inszenierungen einen Namen. Es ist natürlich bequemer, die Kameliendame in Jeans oder Abendkleid herumlaufen zu lassen, statt sich den Kopf zu zerbrechen, wie man Plüsch und Uralttheater vermeidet. Das Rad einer Revolution beginnt sich – von der Geschichte bewiesen – immer schneller zu drehen. Die neuen Herren wurden immer dreister: „Lohengrin" in einer Schulklasse, "Czardasfürstin" mit einem Ballett kopfloser Soldaten, ein "Rigoletto", der im Männer-Klo beginnt, von den Salzburger Skandalen („Fledermaus", zuletzt "Entführung") ganz zu schweigen.

"Was hat Dein Macbeth mit Verdi zu tun ?"

Ein bekannter deutscher Regisseur wurde von einem Freund gefragt: "Sag einmal, was hat Dein, 'Macbeth’ mit der Verdi-Oper zu tun?" Die Antwort lautete: "Gar nichts!" In der Öffentlichkeit drückt man sich vorsichtiger aus: Aber es war doch so lustig. Sind eine "Cosi", eine, „Zauberflöte" nicht an sich schon lustig? Prominente, die nun wirklich unendlich viel von Oper verstehen (Christa Ludwig, Marcel Prawy ...) haben sich gegen diese Pest ausgesprochen, die sich immer verheerender ausbreitet; vor allem in Europa. In den USA lassen sich die Sponsoren Derartiges einfach nicht gefallen.

Dabei gibt es auch heute eine Menge verantwortungsvoller Regisseure. Dieter Dorn, Johannes Schaaf, Graham Vick, Savary und – wenn er will – Jürgen Flimm. Für die bedeutenden Festspiele werden meistens "die anderen" verpflichtet – für Sensation ist gesorgt! Keiner will mehr die "Meistersinger" mit Puffärmeln, aber die Handlung eines Werkes soll klar erkennbar bleiben – warum nicht stilisiert, leicht zeitversetzt oder gekonnt abstrakt gehalten?

Vielleicht könnte man sich wehren, wenn das Premierenpublikum bei besonders unverschämten Inszenierungen geschlossen vorzeitig das Theater verlassen würde. Es steht aber zu fürchten, dass die wunderbare Kunstform Oper, die mit behutsamen, notwendigen Erneuerungen über 400 Jahre die Menschheit beglückt hat, mit der Zeit auf der Strecke bleibt.


Siehe auch: Siegfried der Camper