Ob der im Werk so oft zitierte Liebestrank nicht doch ein verhängnisvolles Placebo ist? Tristan und Isolde lieben einander seit ihrer ersten Begegnung. Aber erst als beide wissen, dass sie sterben müssen, fallen die Hemmungen weg, und sie bleiben einander verfallen. Einer Vereinigung steht die Vasallentreue im Wege.
Richard Wagner, der Schöpfer dieses gigantischen Trau-erspiels, strebte von Anfang an ein Gesamtkunstwerk an, ein Zusammenwirken von Wort, Ton und Bild. Die jährliche Oper beim Brucknerfest ist eine gute Idee. Aber schon eine halbszenische Aufführung wäre ein großer Gewinn für Werk und Publikum. Vielleicht macht sich die Festivalleitung Gedanken darüber.
Der konzertante „Tristan“ im Brucknerhaus wurde von Maestro Dennis Russell Davies dominiert. Nach einem nicht allzu spannenden Vorspiel fand der Dirigent immer mehr in die Welt des epochalen Werks hinein und sorgte für einen denkwürdigen Abend. Das Bruckner Orchester zeigte seine Qualitäten und lieferte den üppigen Klangteppich. Dieser machte der Isolde, Anna Katharina Behnke, im ersten Aufzug zu schaffen. Der eher schlanke Sopran der hochmusikalischen Sängerin kam als tödlich beleidigte, fluchende Isolde gegen die Orchester-Klangmassen nicht immer auf. Ihr nicht allzu obertonreicher Sopran klang angestrengt. Erst die lyrischen Stellen im zweiten Aufzug zeigten ihre Qualitäten. Ein nicht hochdramatischer Sopran sollte diese Partie meiden.
Neben Frau Behnke agierten drei Weltklasse-Sänger: Petra Lang (Brangäne) erwies sich mit ihrem voluminösen, schönen Mezzo als legitime Nachfolgerin der großen Christa Ludwig. Auch der Tristan des Christian Franz hatte großes Format. Da hörte man einen echten Heldentenor, klangschön, raumfüllend und unermüdlich.
Der „Kurwenal“ des Jukka Rasilainen war ganz der trotzige, blind ergebene
Vasall. Kurt Rydl (König Marke) ist nach wie vor eine imponierende
Bühnenpersönlichkeit: Sein schwarzer Bass und seine exemplarische
Wortdeutlichkeit waren ein Plus der Aufführung. Sehr gut die kleineren Partien
und der präzise Herrenchor (Georg Leopold). Das dankbare Publikum war
beifallsfreudig.
