Katharina Wagner hat zwar das Textbuch gelesen ...

Wagners "Meistersinger von Nürnberg" in einer weitgehend entstellten, mit unsinnigen Gags überfrachteten Regie in Bayreuth
Von Georg Höfer

Ja, Katharina Wagner hat das Textbuch ihres Urgroßvaters Richard tatsächlich gelesen. Aber offensichtlich nur, um alles ganz anders zu machen: Der adelige Heißsporn Stolzing ist bei ihr ein lümmelhafter Hippie, der noch dazu von einer krankhaften Anklecks-Manie besessen ist. Im ersten Aufzug spritzt er die Meister mit weißer Farbe an, später ist das blaue Kleid seiner Angebeteten dran. Erst als ein in jeder Beziehung "Angepasster" kommt er bei allen gut an. Beckmesser dagegen beginnt wohl als pedantischer, boshafter Merker, verwandelt sich aber allmählich in einen frechen Avantgardisten, der natürlich durchfällt. Nicht nur, weil er wahrend seines verqueren Preisliedes einen nackten Adam samt nackter Gefährtin aus dem Hut zaubert. Wo steht das bei Wagner?

Vorher viele bekannte Regie-Klischees: So klopft Sachs seine Kritik an Beckmessers Ständchen nicht auf die Schuhsohlen, sondern auf eine Schreibmaschine; bei jedem Fehler purzelt vom Schnürboden ein Schuh herab. Statt des Fliederstrauchs sieht man eine Arno-Breker-Hand, wahrend des (leider unsichtbaren) Wach-Auf-Chors wird ein Container angezündet usw. Die Festwiese ist von beispielhafter Hässlichkeit und Absurdität, dass man sich wirklich fragt, was sich Wolfgang Wagner, der zweimal das Werk sehr gut inszeniert hat, bei dieser Produktion denkt.

Um die musikalische Seite ist es besser bestellt. Franz Hawlata gelang es, von der Regie als barfüßiger, kettenrauchender Nur-Schuster gedacht, der Figur so etwas wie einen poetischen Charme zu verleihen. Er hatte stimmlich einen guten Tag und hielt die mörderische Partie - fast - bis zum Ende gut durch. Eine Freude der Stolzing von Florian Vogt. Sein klangschöner Tenor mit der unerschöpflichen Höhe war "Bayreuth" pur. In Michael Volle begegneten wir einem der besten Beckmesser der letzten Jahre mit einem schönen, markigen Bariton und guter Charakterisierung. Die wie eine Zwillingsschwester der Eva aussehende Magdalene (Carola Guber) war solid. Die Eva selbst war mit der apart timbrierten, mit Linie singenden Michaela Kaune sehr gut besetzt. Als David konnte der doch ein wenig "gereifte" Norbert Ernst vokal sehr gefallen, bemerkenswert Markus Eiche (Kothner) und Friedmann Röhlig (Nachtwächter). Alle übrigen Rollen waren in guten Händen, ein Erlebnis wie immer der Chor. Am Pult führte Sebastian Weigle ein wenig hemdsärmelig, aber kompetent das erlesene Orchester. Nach dem Schlussvorhang das übliche Bild: die lächelnde Regisseuse, die den Buhorkan offensichtlich genoss: Das Publikum hatte eben ihre genialen Einfalle nicht begriffen. Dem "dummen Haufen" wären wirklich "gute" Ideen lieber gewesen.
 
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe des Linzer Volksblattes
vom Mittwoch den 13. August 2008


Die unsinnigen Regiegags der Katharina Wagner
eine Anmerkung zur vorstehenden Kritik von Manfred Kuzel

Als Mitglied der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" habe ich im vergangenen Premierenjahr der "Meistersinger" an der Generalversammlung teilgenommen und dabei hat Frau Wagner auch zu Ihrer Inszenierung Stellung genommen. Ihre Aussagen waren wenig informativ und als ich sie fragte, ob sie das Genie ihres Urgroßvaters so gering schätze, daß seine Arbeit einer provokativen Interpretation bedarf, regierte sie verärgert und meinte, sie fühle sich persönlich beleidigt, wenn man ihr die Absicht unterstelle, sie wolle mit ihrer Inszenierung provozieren. Dazu zitiere ich aus dem Protokoll über die Generalversammlung 2007 der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth":
"Katharina Wagner wird auch gefragt, da sie selbst nicht in Abrede stelle, daß sie mit ihrer Inszenierung provozieren wolle, ob sie das Genie ihres Urgroßvaters so gering schätze, daß sie es für nötig erachte zu interpretieren, wo doch präzise Regieanweisungen vorhanden sind.
 
Frau Wagner beteuert, daß es ihr eben nicht um Provokation gehe. Werktreue hieße für sie, sich ernsthaft mit dem Werk auseinanderzusetzen, und das habe sie getan. Die Regieanweisungen von Richard Wagner seien zu einer Zeit entstanden, wo teilweise noch Gasbeleuchtung bestand, es keine Versenkungen oder Hebemaschinen und keine Obermaschinerie gab. Sie glaube nicht, daß die Regieanweisungen bei den heutigen technischen Möglichkeiten noch so ausfallen würden, wie sie jetzt im Klavierauszug stehen. Man müsse sich ihrer Meinung nach nicht sklavisch an die Regieanweisungen halten. Sie maße sich natürlich nicht an zu wissen, was Richard Wagner heute geschrieben hätte, und er wäre sicher auch nicht mit all ihren Ideen konform gegangen, aber sie wehre sich dagegen, daß alles eins zu eins übernommen werden müsse." (Zitat Ende)
Dazu frage ich mich allerdings, was die im obigen Beitrag geschilderten Regiegags mit Gasbeleuchtung, Versenkungen, Hebemaschinen oder Obermaschinerie zu tun haben und wenn Frau Wagner sich nicht anmaße zu wissen, was ihr Urgroßvater heute geschrieben hätte, so darf ich meinerseits getrost annehmen, daß er nicht an Scheibmaschinen auf dem Leisten des Schusters oder herabfallende Schuhe gedacht hätte!

Das meint jedenfalls einer aus dem "dummen Haufen".