Interview mit Frau
Renate Doppler
Festivalleiterin des Richard-Wagner-Festivals Wels (O.Ö.)
aus dem Jahre 2002
(Die Fragen formulierte Manfred Kuzel)
Frau Doppler, die Geschichte des Richard Wagner Festivals beginnt fast wie die Genesis, nämlich mit den Worten "Am Anfang war ..... " eine Büste des Meisters. Wie kam es dazu?
Der ersten Frage mach ich mich frei:
1983 kauften mein Mann und ich den ganzen Greif-Komplex. (Hotel. Theater und die gesamte Gastronomie). Es wurde ein Jahr lang umgebaut und renoviert. Durch die Verlegung eines Stiegenhauses entstand im Theaterfoyer eine Nische. Es war klar, daß da etwas Besonderes hinein musste. Mein Vater war auf der Suche und konnte zufällig bei einem Münchner Antiquitätenhändler eine Wagnerbüste von Lorenz Gedon erstehen. Von dieser Büste gibt es nur noch zwei weitere Exemplare. Eine steht in Bayreuth im Haus Wahnfried, die zweite irgendwo in Belgien.
Diese Büste wurde 1989 von Wolfgang Wagner feierlich enthüllt. Im Rahmen dieser Feier veranstalteten wir ein Konzert, welches damals bereits mit internationalen Sängerstars besetzt war. Wir dachten damals, das wäre es gewesen! Nicht jedoch unsere Besucher. Sie bearbeiteten uns, jährlich ein solches Konzert zu veranstalten. Bis 1995 machten wir also diese Konzerte und konnten uns dabei schon den internationalen Ruf aufbauen der somit der Grundstein für unsere Operninszenierungen wurde.
Ihr Vater ist also nicht ganz unbeteiligt an der Entstehung des Festivals. War er es auch, der Ihnen die Begeisterung für das Werk Wagners in die Wiege gelegt hat?
Ohne die Begeisterung und die finanzielle Unterstützung meines Vaters wäre alles wahrscheinlich nie über die jährlichen Konzerte hinausgegangen. Meine Begeisterung für Musik und Theater wurde mir sicher in die Wiege gelegt. Ich habe selbst klassisches Ballett studiert und durch einen Jugendfreund, der Dirigent ist, sehr viel mit Oper zu tun gehabt. Wagners Musik habe ich sicher schon im Unterbewusstsein von klein an mitbekommen, weil sie bei uns zu Hause sehr viel gespielt wurde. Mit 15 durfte ich zum ersten Mal nach Bayreuth mitfahren. Seit damals war es natürlich um mich geschehen.
Wie ist es Ihnen denn damals gelungen, nicht nur Wolfgang Wagner zur Enthüllung der Büste seines Großvaters, sondern auch die internationalen Sängerstars nach Wels zu bekommen? Wenn ich mich richtig erinnere, war immerhin etwa der unvergessliche Theo Adam einer der Interpreten der ersten Stunde.
Der Kontakt nach Bayreuth bestand schon lange. Meine Eltern waren schon mit Winifred Wagner gut bekannt, sie war sogar hier in Wels zweimal zu Besuch. Wolfgang Wagner trafen wir auch immer wieder in Bayreuth und so war es naheliegend, ihn einzuladen und er kam sehr gerne. Die Adams wiederum sind seit Jahrzehnten gute Freunde meiner Eltern. Theo wollte unbedingt das Eröffnungskonzert singen und hat uns damals durch seine Verbindungen internationale Sänger nach Wels mitgenommen.
Im Jahr 1995 wurden also die jährlichen Konzerte durch szenische Aufführungen von Wagner-Opern abgelöst. Wie kam es dazu? Hatten Sie keine Bedenken, daß das Theater im Greif für so große Oper nicht geeignet sein könnte? Immerhin hat sich Gwyneth Jones, die doch über sehr große Bühnenerfahrung verfügt, vor einigen Jahren sehr überrascht gezeigt, daß so etwas gelingen konnte.
Es war 1995, als wir den 1. „Tristan" machten und Gwyneth Jones war unsere 1. Isolde.
Eigentlich war es Prof. Schneider Siemssen, der uns auf diese Idee brachte. Voraussetzung war natürlich die Vergrößerung des Orchestergrabens. Was die Bühnentechnik und die Tiefe der Bühne (was sehr wesentlich ist) betrifft, ist unser Theater vielen Häusern überlegen. Die Akustik ist gut. Es sprach also nichts dagegen, große Oper in einem kleineren Rahmen zu machen, was Schneider Siemssen beweisen wollte. Frau Jones war übrigens dann auch überzeugt.
Wäre es nicht einfacher und von der Ausstattung her vielleicht auch billiger gewesen, Inszenierungen in der Art auf die Bühne zu bringen, wie dies Wieland Wagner getan hat?
Es wäre einfacher und billiger gewesen! Prof. Schneider Siemssen, der eigentlich der Initiator war, hat eben einen anderen Stil. Wieland Wagners Bühnenbilder zu wiederholen wäre sicher wunderbar, aber welcher Regisseur würde heutzutage etwas machen, was vor ihm schon wer anderer gemacht hat. Es könnte ausserdem nur eine schlechte Kopie sein.
Damit sind wir auch schon mitten in einem für echte Wagnerianer äußerst kontroversiellen Thema, das auch schon wahre "Glaubenskriege" ausgelöst hat. In Wels konnte man bislang ausschließlich "konservative" Inszenierungen erleben, während in der "Werkstatt Bayreuth" - um es vorsichtig auszudrücken - modern inszeniert und auch sehr viel experimentiert wird. Selbst Wieland war da ja nicht ganz unumstritten, obgleich sich seine Inszenierungen doch deutlich von jenen abheben, die heute geboten werden. Wie ist Ihre persönliche Einstellung zu den heutigen Bayreuther Inszenierungen und tragen Sie sich mit dem Gedanken, künftig Ähnliches auch in Wels auf die Bühne zu bringen?
Es wird sicher nie eine „Werkstatt Wels" geben und auch nicht experimentiert werden. Bei Wagner sind beinahe jeder Gang und jede Geste in der Musik vorgeschrieben., und so wird man es bei uns immer auf der Bühne sehen. Wotan wird immer ein Gott mit einem Speer sein und niemals der Direktor eines Großkonzerns im Nadelstreif oder ein Rocker mit Maschinenpistole! Wenn ein Regisseur von sich sagt, daß er die Musik Richard Wagners hasst oder sich vor dem Probenbeginn kurz über den Inhalt des Werkes informiert (hat es gegeben), gehörte er - vornehm gesagt - hinausgeworfen. Solche Leute sollten eine eigene Oper komponieren und nicht ein Stück, welches perfekt ist, mit ihren Ideen zerstören. Aber in der Presse wird man eher erwähnt, wenn man etwas Widerliches, Abnormales präsentiert. Unsere Kritiker sind das Publikum und dessen Kritik gibt unserer Philosophie recht, dabeizubleiben.
Sie haben gesagt, Sie seien seit Jahren - nicht nur wegen Ihrer Bekanntschaft mit Wolfgang Wagner - regelmäßige Besucherin der Bayreuther Festspiele, wo sehr viele Regisseure tätig sind und waren, die "eine perfekte Oper zerstören und eigentlich hinausgeworfen gehören". Warum fahren Sie eigentlich nach Bayreuth? Sind Sie etwa auf der Suche nach neuen Protagonisten für Wels?
Ich liebe Bayreuth wegen der Atmosphäre, der Akustik und der musikalischen Vollkommenheit. Außerdem liebe ich die Stadt und die vielen Freunde, die ich dort treffe.
Eine Inszenierung, die mir nicht gefallen hat, schaue ich mir kein zweites Mal an, aber es gibt gottlob auch akzeptable. Protagonisten suche ich keine, denn die kenne ich schon alle.
Doch zurück nach Wels: Sie hatten bei Ihren Festivals prominente Ehrengäste, wie etwa Wolfang Wagner, Birgit Nilsson und den leider schon verstorbenen Karl Ridderbusch und die Besetzungslisten lesen sich wie das Who Is Who des Wagner'schen Musiktheaters. Theo Adam und Gwyneth Jones haben wir ja schon erwähnt, da gibt es aber auch noch Namen wie Luana De Vol, Simon Estes, Ingrid Haubold, Alfred Muff, Heikki Siukola und Cornelia Wulkopf, um nur einige zu nennen. Warum haben diese Künstler ein Engagement bei Ihnen angenommen? Nur die Empfehlung durch Theo Adam oder die Höhe der Gage wird es ja wohl kaum gewesen sein.
Es hat tatsächlich mit Theo Adams Empfehlungen begonnen, dann allerdings wurde es zur Lawine. Wir wurden unter den Sängern weiterempfohlen. Durch mein Management von Herrn Siukola kam ich wiederum an alle großen Opernhäuser und lernte viele maßgebliche Leute kennen. Es ist wirklich so: Wer einmal hier gesungen hat ist beleidigt wenn wir ihn nicht wieder holen. Die Künstler schätzen unglaublich die private Atmosphäre und unser Engagement und die Begeisterung an der Sache.
Ist es Ihnen eigentlich schon einmal passiert, daß ein Solist kurzfristig absagen mußte oder aber unmittelbar vor Vorstellungsbeginn wegen Indisposition ausgefallen ist? Falls Ihnen dieser Albtraum bisher erspart geblieben ist, wie könnten Sie eine derartige Situation meistern, falls sie - Gott behüte - einmal eintreten sollte? Sie haben doch sicherlich in diesem Fall nicht jene Möglichkeiten, die ein großes Opernhaus oder aber Internationale Festspiele haben, wo doch eher Einspringer vor Ort aufzutreiben sind.
Es wäre ein Albtraum und ist ganz kurz vor der Vorstellung Gott sei dank noch nie passiert. Vor Ort sind Einspringer fast nie vorhanden. Vorausgesetzt es gibt welche können sie immer in einigen Stunden da sein. Da sind natürlich wieder die Kontakte mit Agenturen und Opernhäusern wichtig. Voriges Jahr fiel Alan Titus in der Probenzeit aus. Alle hier anwesende Sänger haben sofort begonnen in den Kollegenkreisen herum zu telefonieren……das gibt es eben nur bei uns. Umgekehrt brauchte die Wiener Staatsoper heuer während unserer Probenzeit von einem Tag zum anderen eine „Brünnhilde". Da habe ich Frau DeVol für 2 Tage von den Proben befreit. Jetzt habe ich natürlich wieder einen „Stein im Brett" bei Dir. Holender, und so hilft man sich eben.
Ein wesentlicher Punkt, den ich auch noch ansprechen möchte, ist die Finanzierung Ihres Festivals. Es ist schon klar, daß heutzutage kein Kulturbetrieb ohne öffentliche und private Förderung das Auslangen findet. Die relativ geringe Anzahl der Sitzplätze in Ihrem Theater führt auch sicherlich dazu, daß die Erlöse aus dem Kartenverkauf bezogen auf das Gesamtbudget ungleich geringer sind als bei großen Opernhäusern oder Internationalen Festspielen. Wie setzt sich Ihr Budget auf der Einnahmen- und Ausgabenseite in etwa zusammen und sehen Sie die Finanzierung auch für die Zukunft gesichert?
Die Finanzierung ist gesichert, da das Festival das große Anliegen meines Vaters, bzw. der Firma Trodat ist. Durch die eher geringfügige Subvention der Stadt und des Landes, der privaten Sponsoren und des Kartenverkaufs sind ca. 2/3 der Kosten gedeckt, den Rest übernimmt als Ausfallshaftung die Firma Trodat. So ist es immer im Jahr einer Neuinszenierung. Im darauffolgenden Jahr verschiebt sich das dann immer zu Gunsten der Firma Trodat.
Wie sehen Ihre mittelfristigen Pläne aus? Auf welche Neuinszenierungen dürfen wir uns in den nächsten Jahren freuen?
2003 wird ja bekanntlich nochmals „Siegfried" gespielt und zwar am 29.5. und 1.6. Für 2004 ist nun doch nach reiflicher Überlegung eine Neuinszenierung von „Götterdämmerung" geplant.
Sind für nächstes Jahr neue Solisten im "Siegfried" zu erwarten und stehen für 2004 schon Namen für die Götterdämmerung fest?
Besetzungsänderungen zu heuer sind:
Brünnhilde: Sue Patchel , Wanderer: Hartmut Welker, Fafner: Atila Jun, Erda: Julia Oesch
Die anderen bleiben gleich.
Für Götterdämmerung gibt es auch schon einige Besetzungen, die geben wir aber noch nicht bekannt.
Wie läuft denn so eine Neuinszenierung ab? Können Sie das am Beispiel der geplanten Götterdämmerung erläutern? Wer führt wann mit wem die ersten Vorgespräche, wann entstehen Bühnenbild und Kostüme und wie sieht der Probenplan aus?
Ausgehend von der Verfügbarkeit des Bruckner Orchesters, welche wir bis 2005 fixiert haben, gehen wir von einer Wunschbesetzung aus. Diese Künstler werden über Agenturen oder direkt angefragt, oftmals fragen auch bedeutende Sänger, die ich gut kenne bei Kollegen an. Z.B. bemüht sich Frau DeVol um eine Brünnhilde, weil sie nicht frei ist. Die Sänger wissen alle worum es geht, kommen gerne und sind auch immer mit der Gagensituation vertraut. Es werden dann Vorverträge gemacht, die eine ungefähre Probenzeit von 4 Wochen beinhalten. Da wir weiter mit dem Team Adler-Solt arbeiten, werden uns jetzt schon erste Entwürfe von Bühnenbild und Kostümen vorgelegt.
Ein Jahr vorher werden die fertigen Entwürfe diversen Bühnenbaufirmen zwecks Angebot vorgelegt. Die totale Fertigstellung darf erst exakt zu Probenbeginn sein, da wir keine Lagermöglichkeiten haben. Mit den Kostümen passiert ähnliches, nur daß diese weitgehend von Herrn Solt beauftragt und größtenteils bei uns hergestellt werden.
Zu diesem Zeitpunkt werden auch vom Regisseur die genauen Probenpläne gemacht und dann mit den Orginalverträgen den Künstlern zugeschickt.
Aus diesem Zeitplan können Sie ersehen daß die gesamte künstlerische Planung für „Siegfried" 2003 längst abgeschlossen ist.
Noch eine Frage zur Götterdämmerung: Wie stark ist der Chor besetzt und gibt es in der Szene, wo Hagen seine Mannen ruft, keine Platzprobleme auf der Bühne?
Die Chorbesetzung wird vom Dirigenten (Hans Wallat) festgelegt um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Platz für die Mannen ist kein Problem, da unsere Bühne eine ungeheure Tiefe aufweist, welche noch nie genützt wurde. Es ist nun Sache des Bühnenbildners die Bühne entsprechend zu gestalten.
Frau Doppler, sie haben einen Sohn, der sich in einem Alter befindet, in welchem sich junge Leute heutzutage eher für Rock- und Popmusik interessieren und lieber in die Disco als in die Oper gehen. Wie ist das bei Ihrem Sohn? Können Sie und auch sein Großvater ihn für Wagner begeistern oder ist Ihnen das vielleicht bereits gelungen?
Mein Sohn geht natürlich gerne in Discos, für Wagner konnten wir ihn, sowie auch meine Tochter schon früh begeistern. Mit 9 Jahren war er erstmals in Bayreuth (Tannhäuser) und natürlich vorbereitet wie keiner. Beim Schlussapplaus hat er vor Begeisterung derartig auf die Orchesterüberdachung getrommelt, dass das nachher ein Gespräch bei den Solisten war. Die Werke, die wir in Wels spielten kann er auswendig weil er ja ständig mit Interesse bei den Proben dabei war. Aber es gibt natürlich Phasen: Heuer zum Beispiel ist Pop mehr angesagt als Bayreuth.
Frau Doppler, ich danke Ihnen für dieses Interview und wünsche Ihnen noch viel Erfolg für Ihre Tätigkeit im Stadttheater Wels, damit die künftigen Richard-Wagner-Festivals das bleiben was sie sind: Ein Geheimtipp für den echten Wagnerianer.